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Waldkauz Water Avatar Identities Whatever Woman About
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Steckbrief Natur - Folge 1 - Der Waldkauz
2019, Experimentalfilm, 9:41 min

In der ersten Folge der Serie "Steckbrief Natur" produziert Radan eine Art Lehrvideo, das uns den Waldkauz und dessen Habitat, aber auch die kulturelle Bedeutung des Vogels als „Totenvogel“ erläutert. Obgleich stilistisch nah an konventionellen Naturfilmen gehalten, kippt das Video in eine surreal anmutende Sequenz, in der die Konzentration auf die untersuchte Spezies immer wieder abgelenkt wird durch Elemente, die ganz offensichtlich nicht ins Bild gehören. Das durchgehend digital produzierte Video zeigt sich einerseits „dokumentarisch“ konstruiert – in seinem künstlerischen Aufbau jedoch merkwürdig eigenwillig. Es bewegt sich damit näher an der unvorhersehbaren Dynamik der Natur, als es oberflächlich den Anschein haben mag.

This water gives back no Images
2017, 3-Kanal-Videoinstallation, 6:12 min, loop

Ein leises Rauschen und Flirren, immerndes Licht umfängt zwitschernde Vögel, die selbst verborgen und unsichtbar in einer zwischen meditativer Stimmung und technischen Störgeräuschen verschwimmenden Atmosphäre bleiben. Inmitten üppiger tropischer Natur, zwischen sanft im Wind sich biegenden schlanken Palmen bewegt sich ein Avatar durch die Spiellandschaft.
Im Wasser watend und badend scheint sich seine Gestalt aufzulösen. Die Konturen des Avatars zerfliießen in ihren Spiegelungen, bewegt und zugleich deformiert durch den Gang der Wellen, ebenso wie die Baumkuppen in seiner Umgebung.

Mitten im Film taucht plötzlich wie ein Fremdkörper ein eingebetteter Schwarz-Weiß-Mitschnitt eines Auftritts der Sängerin Nina Simone auf. Er wirkt wie eine Bildstörung im ansonsten durchgehend in der Ästhetik des Computerspiels gehaltenen Video – wie aus einem „realen“ Außen, das im Film jedoch nicht weniger unwirklich als alles andere erscheint. Auch im Text des Liedes spielt das spiegelnde - oder Spiegelungen verweigernde – Wasser eine zentrale Rolle. Als Medium der Selbstbetrachtung und Selbstreflexion, über die ein Übergang zwischen verschiedenen Identitäten initiiert werden kann, spendet Wasser uns Leben, kann uns aber auch überschwemmen und ertrinken lassen. Über die assoziative Verknüpfung zwischen dem Wasser als natürlicher Grundlage unseres Daseins und dem Medium des Digitalen als unserer alles „umfießenden“ zweiten Natur konfrontiert uns Radan mit der offenen Frage nach unseren möglichen Identitäten in einer globalisierten und digitalisierten Welt.

Auch in This water gives back no images macht sich Radan die Formbarkeit digitalen Datenmaterials zunutze, indem er Landschaften, Figuren und Gesten aus dem Repertoire des Computerspiels GTA modifiziert. Dabei lenkt er den Fokus auf die Austauschbarkeit digitaler Texturen, die ein spielerisches Ausprobieren ermöglicht, aber auch eine Gleichartigkeit aller Körper im Digitalen bewirkt, die zu Trägern zirkulierender Bilder und Identitäten aus reinen Ober ächen werden. Der Avatar wirkt abwechselnd weißlich bleich, dann wieder stumpf und metallisch. Ihm fehlt eine wiedererkennbare eigene Textur, die ihm Greifbarkeit und materielle Widerständigkeit gegen das spiegelnde Wasser bieten könnte.
Im Zwischenraum zwischen drei Projektionsflächen haben wir die Bilder immer zugleich vor uns und im Rücken. Durch Projektion auf drei nie gleichzeitig zu betrachtende Flächen fordert die Installation ein ständiges Sich-Umsehen heraus, als wollte sie uns auffordern, unsere Perspektive zunächst von unserem momentanen Standpunkt aus neu auf den anderen und uns selbst auszurichten, bevor wir uns zwischen den Hüllen potentieller künftiger Identitäten verlieren.

Prophezeiung eines lächerlichen Avatars
2017, Experimentalfilm, 5:20min

Der rotoskopierte Kurzfilm beruht auf Bildmaterial aus der virtuellen Realität, gefunden auf Plattformen wie YouTube oder durchgespielt in Computerspielen. Einzelne Sequenzen werden in Umrissen Bild für Bild digital „nachgezeichnet“ und in eine feine bewegte Linienzeichnung transformiert. Andeutungen von Gewalt und Pornographie, Selbstinszenierung und Voyeurismus, wie sie auf Videoportalen oder Image Boards, in Computerspielen und den Social Media allgegenwärtig sind, scheinen abgemildert, gleichzeitig und geradezu paradoxerweise aber auch konzentriert: Die zwischen dem Spielerischen und dem Brutalen changierenden Zeichnungen bewirken buchstäblich eine Konturierung und Fokussierung der aus der Netzumgebung freigestellten Episoden und beobachteten bzw. zur Schau gestellten Verhaltensmuster. Diese werden somit interpretationsoffener, aber auch beunruhigender.

In between Identities
2015, Experimentalfilm, 8:50min

in between identities entstand aus einem Game Modding, in dem desorientierte, vom Künstler manipulierte Avatare halb entblößt, in Badeoutfits, Pelzmantel oder mit Gurkenscheiben auf den Augen durch finstere Großstadtszenerien wandeln. Sie fungieren als hüllenhafte Stellvertreter von Akteur_innen, die in der stellenweise wie grob behauen wirkenden Ästhetik des Computerspiels eigentümlich massiv und leer zugleich erscheinen

Das Computerspiel bietet einen faszinierenden Möglichkeitsraum, der trotz und gerade aufgrund seiner Vorgaben und Vorgestaltetheiten immer wieder Platz für Improvisation und Intuition bietet. Innerhalb der begrenzten, programmierten Umgebung entsteht eine Freiheit, den „eigentlichen“ Zweck des Spiels zu unterlaufen und im Verzicht auf Drehbuch und Storyboard mit dem Vorhandenen auf neue erzählerische und choreogra sche Weise umzugehen.

Die Avatare scheinen hier ein Eigenleben in der Grauzone zwischen der Identität des Spielers und derjenigen des gespielten Charakters zu führen.
Das Wegbrechen sinnhafter Zusammenhänge hinterlässt eine Leerstelle, die als Freiraum abseits alltäglicher Routinen ebenso wie als bedrückendes Fehlen persönlicher Anschlussstellen erfahrbar ist. Als Betrachtende erfahren wir uns selbst als voyeuristische Teilhabende am Spiel und tauchen ein in dessen traumartige Atmosphäre einer Verschiebung von Realitäten und Identitäten.



Whatever you do
2015, Musikclip, 3min

„Auch die Menschen sondern Unmenschliches ab. In gewissen hellsichtigen Stunden lässt das mechanische Aussehen ihrer Gesten, ihre sinnlose Pantomime alles um sie herum stumpfsinnig erscheinen. Ein Mensch spricht hinter einer Glaswand ins Telefon; man hört ihn nicht, man sieht nur sein sinnloses Mienenspiel: man fragt sich, warum er lebt.

Auch dieses Unbehagen vor der Unmenschlichkeit des Menschen selbst, dieser unberechenbare Sturz vor dem Bilde dessen, was wir sind, dieser Ekel, wie ein Autor unserer Tage es nennt, ist das Absurde. Und auch der Fremde, der uns in gewissen Augenblicken in einem Spiegel begegnet, der vertraute und doch beunruhigende Bruder, den wir auf unseren Fotografen wiederfinden, ist das Absurde.“

Albert Camus „Der Mythos des Sisyphos“ (1942)

Frau kennengelernt
2012, Experimentalfilm, 3min

Prof. Dr. Jelle de Boer ist Geologe und hier hat er seine Frau kennengelernt: An dieser Felswand lehnte sie, in der heißen Sonne, und war hammerklasse.
Vor beeindruckendem Landschaftspanorama erzählt uns de Boer, in den Worten, die ihm Aleksandar Radan in den Mund legt, seine mögliche Geschichte, wie sie auch ganz anders abgelaufen sein könnte. Für Frau kennengelernt stellte Radan eine Kamera vor den Fernseher, schaltete den Ton des laufenden Programms – einer Dokumentation der Erdgeschichte – stumm und „synchronisierte“ simultan den Vortrag des Wissenschaftlers. Immer wieder selbst hörbar überrascht von unerwarteten Gesten und Schnitten improvisiert er seine eigene Erzählung auf die Bilder. Das Ergebnis ist die überraschend synchrone Geschichte einer glücklichen erste Begegnung zwischen Romantik, Poesie und Absurdität

Als frühes Videoexperiment des Künstler vereint Frau kennengelernt bereits zentrale Aspekte der Arbeit von Aleksandar Radan: Die Faszination des Live-Moments, die den Künstler dazu zwingt, spontan zu reagieren, und die genaue Beobachtung der Körpersprache, deren Bedeutung sich je nach Kontext verändert, die leer laufen, aber immer auch neu mit unerwarteten Aussagen gefüllt werden kann.

Aleksandar Radan wurde 1988 in Offenbach am Main geboren.
Er studiert dort seit 2010 Kunst an der Hochschule für Gestaltung.
Seine Arbeiten beschäftigen sich mit dem digitalen Medium und der Tatsache, dass wir diesem stets hinterherhinken.
Dieser Aspekt des „Hinterherhinkens“ lässt sich auf metaphorischer Ebene verstehen, findet aber auch konkreten Niederschlag im sichtbaren Interesse des Künstlers an der Körpersprache des durch Technologien und massenmediale Kommunikationsformate geprägten Menschen bzw. unserer Avatare und Abbilder in virtuellen Umgebungen.

Häufig begegnet man in Radans Arbeiten stereotypen, vorprogrammierten Gesten digitaler Avatare, die zwischen Lebensechtheit und dem artifiziell Ungelenken changieren. Diese werden in Game-Moddings manipuliert und um ein improvisierendes Moment ergänzt: Radans Filme sind meist live gespielt in veränderten Computerspiel-Umgebungen, die der Künstler zuvor gezielt verändert bzw. als sein „Bühnenbild“ gestaltet hat. Durch Eingriffe in die Datenbanken der Spielesoftware ermöglicht das Game-Modding ein Umschreiben etwa der visuellen Oberflächentexturen oder des Sounds eines Spiels, das somit zum künstlerisch formbaren Material wird.

In Radans experimentellen Kurzfilmen trifft das Programmierte auf das Improvisierte, die Voreinstellung wird mit den spontanen Aktionen des Künstlers – der zugleich der Spieler ist – in der virtuellen Umgebung konfrontiert.
Radans Arbeiten wurden unter anderem bereits auf dem Festival International du Court Métrage in Clermont-Ferrand und den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen gezeigt.


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Ausstellungen/Screenings (Auswahl):

2019

  • DOUBLE FEATURE Schirn Kunsthalle, Frankfurt
  • „Imitating while looking for a way out“ saasfee*Pavillon, Frankfurt
  • "Back then by tomorrow", Werthalle Köln
  • BIII Biennal of the Moving Image, Frankfurt
  • KFFK / Kurzfilmfestival Köln
  • Weekly: Film and Science, Poznan (PL)
  • Ostrale Biennale, Dresden
  • Short Waves Festival, Poznan (PL)

2018

  • European Media Art Festival, Osnabrück
  • interfilm Festival, Berlin
  • Molodist Festival, Kiew (UKR)
  • Lago Film Fest (ITA)
  • Open Eyes Filmfest, Marburg

2017

  • „Things I Think I Want“, Frankfurter Kunstverein
  • goEast-Festival Open Frame Award, Wiesbaden
  • Goethe Media Space, Toronto (CAN)
  • "Videorama“ Werkleitz, Halle
  • Waterpieces Art Festival, Riga (LVA)
  • Kunstfestival der Universität Guanajuato (MEX)
  • Culture and Arts Project NOASS, Riga (LVA)
  • Kriterion Art House Cinema, Sarajevo (HRV)
  • „Hessen Choreographies“ Hessische Theatertage, Darmstadt

2016

  • International Short Film Festival, Oberhausen
  • Clermont-Ferrand Festival du Court Métrage (FRA)
  • Tabakalera, San Sebastian (ESP)
  • Lichter Filmfest international, Frankfurt am Main
  • Festival premiers plans D‘Angers (FRA)
  • Film Festival Cologne, Köln
  • Concorto Film Festival (ITA)
  • Kurzfilmfestival Köln
  • Animatou Festival international, Genf (CHE)
  • European Media Art Festival, Osnabrück
  • Festival der jungen Talente, Frankfurter Kunstverein

2015

  • Dokumentar und Video Fest, Kassel
  • Filmfestival Casablanca (MAR)
  • Lichter Filmfest International, Frankfurt am Main

2014

  • Dokumentar und Video Fest, Kassel

2012

  • Lichter Filmfest International, Frankfurt am Main
  • "Fenster zur Straße" Werkleitz, Halle
  • Fulldome Festival, Jena
  • Fulldome UK, Leicester (GBR)
  • BIII Biennale des bewegten Bildes, Frankfurt am Main

Preise/Auszeichnungen:

  • 2019 „Kura and Contemporary Art Exhibition“, residency, Japan
  • 2018 Best experimental Film, Lago Filmfest (ITA)
  • 2017 Der Frankfurter Verein für Künstlerhilfe e.V., Stipendium
  • 2017 „Open Frame Award“ goEast Festival, Wiesbaden
  • 2017 Emerging Artists vol.3 „Contemporary
  • Experimental Films and Video Art from Germany“
  • 2017 „Short film catalogue“ German short films
  • 2012 Rotary Club, Stipendium

Impressum:

Studio Aleksandar Radan
Ginnheimer Straße 35-37
60487 Frankfurt am Main